WestFarbe

04.09.2017

WestFarbe - Paint vs. Colour, Prozessualität und Erscheinung

 

Vor vielen Jahren lief ich in den New Yorker Weltklasseladen für Künstlerbedarf PEARL und bat um rote Farbe, machte aber den Fehler nicht zwischen Colour und Paint zu unterscheiden, bat also dummerweise um red colour und erntete nur ratlose, leicht amüsierte Blicke. Die deutsche Sprache verwendet den Begriff Farbe eben bekanntlich sowohl für die Begrifflichkeit der Farbigkeit als auch für das Malmaterial, wohingegen in der englischen Sprache paint von colour unterschieden wird. Diesen Unterschied thematisiert die Ausstellung WestFarbe, die im August 2016 im Bonner raum2810 und von Mai bis Juli dieses Jahres im Kunstmuseum Gelsenkirchen gezeigt wurde. In Westeuropa hat sich im Gegensatz zur asiatischen Kultur in der Malerei in den 1970er und 1980er Jahren eine Strömung oder Richtung entwickelt, bei der Künstler sich auf analytisch orientierte Weise mit den Bedingungen der Malerei, dem Prozess des Malens und der Materialität der Malsubstanzen beschäftigten.

                          Michael Graeve, Detail                                                                                   Christophe Baudson, Detail

Letztlich ist dies zum einen eine Folge der großen Bedeutung Hegelianischen Denkens für die westliche, insbesondere europäische Kunstphilosophie, zum anderen Ergebnis einer seit Issac Newton etablierten Logik des Ursache-Wirkungs-Prinzip. Das Handeln wird bereits in Hinblick auf das zu erwartende Ergebnis hin geplant und begründet.

Die Ausstellung WestFarbe will versuchen einer Strömung nachzuspüren, die in den 70er Jahren des vergangen Jahrhunderts ihren Ausgang nahm, aber nach wie vor eine Fortentwicklung zeitigt. Sie will zugleich interessante Unterschiede im malerischen Prozess und eine Veränderung systematischer Ansätze aufzeigen.

WestFarbe vereint Positionen, die bereits in den 1980ern (und teilweise aus 1970ern) präsent waren (Marioni, Umberg, Hafif u.a.), wie auch relativ junge Künstlerpositionen (Roux, Piasta, Tallman). Es werden Künstler aus zehn Nationen vertreten sein, um zu zeigen, dass diese Entwicklung keine war, die sich auf Deutschland und die USA beschränkte, sondern, dass es gerade in der aktuellen Kunstentwicklung viele Künstler auch in anderen westlich orientierten Ländern gibt, die diese in den 80ern entstandenen Ansätze weiterverfolgen und kritisch weiterentwickeln. Was youngcollectors besonders freut, ist, dass in dieser großartig international besetzten Wanderausstellung einige der von YC präsentierten Künstler beteiligt sind: Leopoldine Roux, Michael Graeve, Noel Ivanoff, Peter Holm, Rainer Splitt, Christoph Dahlhausen, Christophe Baudson, Martijn Schuppers, Elisabeth Sonneck.


WestFarbe @ Kunstmuseum Gelsenkirchen
(von links: Peter Holm / Katharina Grosse / Frank Piasta)


Die für das Dachgeschoss des Museumsaltbaus neu konzipierten Spiegelobjekte mit Silikonfarbapplikationen erzeugten einen ganz eigenen und poetischen Dialog mit dem Dachgebälk. Zum Ausruhen luden in allen Stockwerken die von Peter Holm hergestellten hochglanzlackierten Bänke ein.

WestFarbe @ Kunstmuseum Gelsenkirchen
(von links: Michael Graeve / Peter Willen / Peter Holm / Rainer Splitt / Christoph Dahlhausen)

Farbe in ihrer Erscheinung wird bei den verschiedenen Künstlerischen Positionen ganz unterschiedlich erlebbar. Während bei Graeve die Farbe in ihrer Tonalität einen Farbrhythmus erzeugt und auf den Rhythmus der US-amerikanischen Städte New York und Chicago anspielt – die Titel der Werke geben entsprechende Hinweise – ist Farbe bei Peter Willen und Rainer Splitt als Material bzw. in ihrer Materialität Thema. Polyurethanfarbe wird von Splitt „einfach“ auf den Boden ausgegossen und wird so zur, wenn auch flachen, Farbskulptur. Bei Dahlhausen wiederum ist die Farbwahrnehmung so sehr von der Spieglung der Oberfläche überlagert, dass es kaum möglich ist den monochromen Farbton zu identifizieren.

WestFarbe @ Kunstmuseum Gelsenkirchen
(von links: Horst Lerche / Christophe Baudson / Elisabeth Sonneck / Peter Holm / Katharina Grosse / Michael Graeve)

Auf der anderen Seite des Raumes wird die bemalte Papierbahn von Elisabeth Sonneck zur Raum-Installation. Das Bild wird dreidimensional. Assoziationen in Richtung Rollbild scheinen sich aufzudrängen.

In einem weiteren Raum entstand eine Art Stilleort mit den sich begegnenden großformatigen intensiv pinkfarbenen Leinwand von Martijn Schuppers, den Fotoübermalungen von David Thomas, geometrischen stillen und konstruktivistischen Arbeiten von Thornquist sowie den subtilen und ebenso still wie lapidar inszenierten Crate-Paintings von Noel Ivanoff.


WestFarbe @ Kunstmuseum Gelsenkirchen
(von links: Martijn Schuppers / David Thomas / Jorrit Thornquist)


WestFarbe @ Kunstmuseum Gelsenkirchen
(von links: Jorrit Thornquist / Noel Ivanoff / Christoph Dahlhausen)

 

Martijn Schuppers, Detail

Noel Ivanoff, Detail


Als großartiger Konstrast nahm die Ausstellung nach einem solchen stillen Raum buchstäblich Fahrt auf durch die auf automotive Geschwindigkeit verweisende bemalten Autotüren des Dänen Peter Holm. Die entfunktionalisierten Türen werden zu Farbfeldmalereien, Farbobjekten und der Blick durch die Fenster ist hier kein Blick mehr auf vorbeiziehende Landschaft, sondern auf Kunst, deren Narrativ die Oberfläche von Farbe ist, kein Abbild, sondern das Bild selbst. Der Betrachter lädt das Werk durch sein Erleben auf und ist gefordert, Farbe frei und autonom als Gegenüber zu erkennen.

 WestFarbe @ Kunstmuseum Gelsenkirchen (von links: Peter Holm / David Thomas / Frank Piasta)

Neben diesen, hier kurz dargestellten künstlerischen Positionen konnte der Besucher ganz neue Gegenüberstellungen von etablierten Farbmalerischen Positionen gegenüber unbekannten entdecken. Joyseph Marioni vs. Simon Morris und Michael Graeve, Callum Innes vs. Christoph Dahlhausen, David Thomas vs. John Tallman, Katharina Grosse vs. Rainer Splitt und Noel Ivanoff.

   
   

                            Seitenblicke: Dahlhausen vs. Innes                                                  Vogelperspektive: Peter Holm & Rainer Splitt

Auch wenn Gelsenkirchen im Westen Deutschlands liegt und ein solcher Bezug nahezuliegen scheint, so hat der Titel hiermit äußerst wenig zu tun. Der Titel WestFarbe bezieht sich auf augenzwinkernde Weise auf die Ausstellung Westkunst, die 1981 in Köln für Furore sorgte. Damals ging es um eine Art Bestandsaufnahme der Kunst im Westen, auch als Abgrenzung gegen den (politischen) Osten. Dieses zu wiederholen in Hinblick auf eine Bestandsaufnahme der Farbmalerei wäre reichlich. Dennoch versucht die Ausstellung ausschnitthaft einen Überblick oder behutsamen Einblick in dieses umschriebene Feld der Malerei zu wagen.

Wer über WestFarbe nicht nur lesen möchte, sondern die großartige Ausstellung selber sehen möchte, kann dies von 18.03. bis 29.04.2018 im Stadtmuseum Siegburg tun.

Beteiligte Künstler u.a.

Steven Aalders (NL)
Christophe Baudson (F)
Christoph Dahlhausen (D)
Michael Graeve (AUS)
Katharina Grosse (D)
Marcia Hafif (US)
Leni Hoffmann (D)
Peter Holm (DK)
Callum Innes (GB)

Noel Ivanoff (NZ)
Joseph Marioni (US)
Tomasz Milanowski (Pl)
Simon Morris (NZ)
Frank Piasta (D)
Léopoldine Roux (B)
Martijn Schuppers (NL)
Elisabeth Sonneck (D)
Ferdinand Spindel (D)

Rainer Splitt (D)
Susanne Stähli (D)
John Tallmann (US)
Jorrit Thornquist (I)
David Thomas (AUS)
Günther Umberg (D)
Rudolph Vombeck (D)
Ulrich Wellmann (D)
Peter Willen (CH)



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